Heike Geißler: Das Jetzige

(Vorschau auf später, Vorschau auf den Anfang der soundsovielten Woche des Lockdowns: Die Autokorrektur bei Signal schlägt statt Corona noch immer Corina vor. Hallo, Corina.)

Das Jetzige
X-ter Tag des Lockdowns, aber mittlerweile schon Jahre her. Ja, das habe ich wie vor Jahren geschrieben. Aber heute, Jahre später, ist immer noch der x-te Tag des Lockdowns.
Mit dem Zählen der Tage und Wochen habe ich aufgehört.
Eine Frage beim Zählen: Was zählt man und wozu?
(Ich erinnere mich an die Zählstriche Gefangener, wie ich sie zuletzt in einer Einzelzelle im Lager Breitenau gesehen habe, daneben das in die Wand geritzte Porträt des Lagerleiters.)
Die Perspektive des Tagezählens: Strich – ein Tag mehr, Strich – ein Tag weniger.
Und reichlich Ungewissheit.
Was gilt wann? Was gilt wo?
Was darf ich, was darf ich nicht?
Und wie lange noch?
Siehe: Wann sind wir endlich da?

Die Mutmaßung (Mut und Maß).
Wie verhält sich meine Mutmaßung zur Prognose?
Was weiß meine Mutmaßung von der Prognose?
Wie verhält sich die Prognose zu meinen Bedürfnissen?
Was wissen die sich aus den Gegebenheiten und Zahlen ergebenden Prognosen, Verhaltensregeln, Schutzverordnungen und Strafandrohungen von meinen Bedürfnissen?
Wie viel Klugheit und Bedacht wird meinen Bedürfnissen unterstellt oder zugetraut?

Irgendwann, da hatte ich die einzuhaltenden Abstände schon im Körper verewigt, habe ich plötzlich damit aufgehört. Bin beherzt auf Leute zugegangen, in den Abstand hinein. Alles vergessen, aus Versehen alles vergessen.

Die Prognose-Bedürfnis-Korrelation.
Die Vernunft.
Die Vernunft spricht, wenn es meine Vernunft ist, als eine Nachrichtensprecherin in immergleichen Sätzen. Der Blazer sitzt nicht mehr gut, könnte mal gebügelt werden. Frisur ist auch schon egal.
Meine Vernunft als Nachrichtensprecherin kann sich natürlich ungeachtet aller sichtbar werdenden Vernachlässigung zu den Systemrelevanten zählen.

Ich schalte um, wenn die Vernunft erscheint, und halte an Planungen fest: Ich fahre im Juli nach Italien.
Davon gehe ich auch jetzt noch aus, davon werde ich weiterhin ausgehen.
Ich projiziere mich nach Italien.
Ich lege meine eigentlichen Pläne den Prognosen und Restriktionen als Forderungen vor und bestehe auf Umsetzung.
Ich gehe mit Trotz und Schockstarre gegen Covid-19 vor.
(Ich tue also nichts.)
Ich präzisiere: Ich fahre im Juli mit meinem Mann und meinen Kindern nach Rom. Natürlich werde ich das tun.
„Rome, sweet Rome“, sagt mein größerer Sohn im Vorbeigehen und vermeintlich anlasslos.
Ja, das meine ich. Ganz grundsätzlich, das meine ich: Rome, sweet Rome.
Ganz klar, dass ich nicht meine: Home, sweet home.

Ich habe nun also im Übermaß Fernbeziehungen zu Menschen, zu Institutionen, auch zum Konsum, zu Protesten, zu Reisen.
Ich umgarne Gebäude, in die ich für gewöhnlich hineinkann. Damit sie sich öffnen.
Ob sie sich öffnen?
Ich versuche mich bei Gebäuden ebenso erfolglos in der Suggestion wie bei Staatsgrenzen.
Die Türen sind zu. Manche Türen sind zu. Es sind jene Türen offenzuhalten, die die verehrte Kundschaft, da die Türen sich nicht durch Sensoren öffnen, selber öffnen müsste.
Die Grenzen sind zu. Manche Grenzen sind für manche geschlossener als andere. Das gilt jetzt erst recht. Der Zauberspruch lautet: Es sind jene Grenzen offenzuhalten, die die verehrte Menschheit, da die Grenzen sich nicht einmal durch auf Notlagen ausgerichtete Sensoren öffnen, weil es solche Sensoren ebenso wie das Asylrecht nicht mehr gibt, selber öffnen müsste, dies aber nicht kann.

Gestern jedenfalls schrieb die Süddeutsche „Was vor Corona wichtig war – und es heute noch ist“.
Nichts davon ist Jahre her.
Der Traum von der Lockdown-Zeit als Denkraum.
Was vom Jetzigen wollen wir übernehmen?
Was / wer nährt unsere utopische Potenziale, unsere Sehnsucht und unseren Blick für das Noch-Nicht?
Und wie wird aus der Sehnsucht, aus allem Vermissen, aus allem Vermissten kein Überdruss, kein Groll, keine ausbleibende Solidarität?
Es ist schon wieder (wie immer) eine gute Zeit, um fühlen zu lernen. Besser gesagt: von den eigenen Gefühlen zu lernen und sie zu fragen: Guten Tag, wo kommen Sie denn her? Was führt Sie zu mir?
Ich werde von allen Fragen, von allen drängenden Fragen wie immer abgelenkt. Ich lasse mich von allen drängenden Fragen wie immer ablenken.
Es ist aber nicht so, dass ich die Zeit für Selbstoptimierung, genüssliches Lesen, Basteln mit den Kindern oder digitale Exkursionen nutzen würde. Nein, zum Teil auch aus Prinzip nicht.

Covid-19 wird jedenfalls währenddessen zum neuen Star unter den Gründen, „Wir sind das Volk“ zu rufen und protestierend in die Sichtbarkeit zu drängen.
„Wir gehen jetzt unter Einhaltung des 1,5-m-Abstandes in der Stadt spazieren und flanieren durch die Innenstadt und die Geschäfte, auch um das Rathaus.“
Das ist ein Teil des maximalen Alptraums.  (https://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Demo-von-Pro-Chemnitz-trotz-Verbot-Polizei-loest-Proteste-auf)
Und warum eigentlich ist nun Samstag der Tag, an dem man demonstrieren geht?

Liebes Tagebuch,
heute ist ein Tag.

Liebe Heike,
aha.

Liebes Tagebuch,
mach’s doch selber besser.

Liebe Heike,
okay.

Irgendwer auf der Straße sagte: das und das habe ich bei Amazon bestellt. Die Paketdienste arbeiten wie in der Vorweihnachtszeit.
Die Stille, die Ruhe, der Lockdown, das ist eine Illusion von Ruhe und Zeit und Frieden auf den öffentlichen Plätzen, und ich will mich auf alle öffentlichen Plätze legen.
Und ich will Museen, Theater und Kinos umarmen.
Ich brauche keine Mall.
Ich brauche eine Mall, weil ich es liebe, durch Malls zu gehen und dabei an Juliana Spahrs und David Buucks Text An Army of Lovers zu denken.

Die Frage taucht auf: Wie kann ich demonstrieren?
Liebend gern so: https://bombmagazine.org/articles/an-army-of-lovers/

Die vorläufige Liste der Dinge, die ich vermisse, der Dinge, die mir auffallen, auch weil sie mich stören, bedrängen, bedrohen, die mir durch den Kopf gehen:
Ich vermisse Umarmungen mit Freund*innen (aber an meinem Geburtstag habe ich umarmt und mich umarmen lassen)
Reisen, hierhin, dorthin
Ausflüge
Mich stören die permanente Anwesenheit der Polizei
die Baustellen in Hausnähe (7-17 Uhr)
die lauten Nachbarn unter mir (20-2 Uhr)
das Unterbrechen der Impulse (jemandem zu helfen: etwas tragen, ein fremdes Kind, das stürzte, aufheben)

Ich lese bei Ágnes Heller: „Es ist jedoch das Auge des Lesers oder des Zuschauers, der die Beziehung auch in ein komisches Licht bringt. Ich habe schon oben erwähnt, dass Tragikomödien zwei verschiedene Lesarten haben. Es sind vollendete Tragödien und doch auch vollendete Komödien. Ob wir sie als Tragödien oder als Komödien lesen, hängt von unserem Verständnis der Hauptfiguren ab, davon, ob wir sie als heldenhafte oder als kleine, unbedeutende Gestalten sehen, aufgeblasen über ihr eigentliches Maß hinaus. Wie gesagt, ist dies bei der Rezeption von existenzialen komischen Werken nicht der Fall.“ (Á. Heller: Was ist komisch? S. 135)

Mich irritiert die jeden Tag 12 Uhr das Fenster öffnende und schließlich auf den Kochtopf schlagende Frau. Immer gerade dann, wenn von den Baustellen kurz kein Lärm kommt. Sie steht auf dem Fensterbrett, ein Kind neben sich. Sie schlägt den Topf, das Kind schüttelt die Rassel. Oder umgekehrt. Sie schaut, wer so guckt, sie winkt. Die Nachbarin über mir meint, das sei aus Solidarität mit Brasilien. Woran sie das erkenne, frage ich: Weil in Brasilien auch mit Töpfen protestiert wurde. Okay, aber diese Protestform ist international verbreitet, schreibe ich zurück. Ich meine, die Frau protestiert allenfalls gegen Langeweile und unterstelle: Sie will gesehen werden. Fairer gesagt: Sie bedarf der Gesellschaft und will diese Gesellschaft, eine Gemeinschaft aus Topfschlagenden (die manchmal zu wachsen, dann wieder zu verschwinden scheint) erzeugen; ein Gespräch in einer lärmenden Sprache führen, ist aber nicht auf Solidarität mit Pflegekräften aus, und da ist erst recht kein Uprising in Sicht.

Was ist eigentlich in Sicht?
Körper, hoffentlich noch lange lebend.
Dazu die Körper der Institutionen, und wie sie nun alle geschlossen sind.
Und der immergleiche Bildausschnitt: Die Häuser gegenüber.
Im Park die Leute, die die Bäume fotografieren, seit Tagen mehren sich jene, die auf die Baumkronen fokussieren. Warum, erkenne ich nicht.
Alle sehen stolpernd aus. Oder schwanken alle?
Die Ausweichbewegung.
Die Vorbereitung der Ausweichbewegung.
Was sind die Zeichen der Zeit?
Die Choreografie des Ausweichens.
Anders gesagt: Wir hatten gerade den Wuhan-Gruß zu praktizieren geübt, da drängten sich die Abstandhalter zwischen uns.
Die Raumforderung.
Der Radius um jeden Menschen. Der Platz, den ich nun nicht nur beanspruchen darf, sondern beanspruchen muss.
Es folgt ein Beleg dafür, dass ich besser träumen als genau sein kann. Ich nehme die Abstandsregel und ziehe gedanklich Strahlen von 1,5 m von meiner Körpermitte aus in alle Richtungen
—›
Durchmesser: 3 m
Fläche: 7,07 qm
Umfang: 9,42 m
Und ich glaube dann, dass ich diese 7 qm so in der Welt platzieren muss, mich so bewegen muss und darf, dass meine Fläche nicht von einer anderen Fläche touchiert, überlappt, reduziert wird.
Aber ich habe das alles falsch verstanden. Zugunsten der Vorstellung von einer ganzen Menge Platz, die ich und jede*r hätte beanspruchen können und müssen, habe ich nicht bedacht, dass es ganz anders ist mit dem Abstand.
Leider ein Denkfehler. Ich sah mich ja schon in einem wahnsinnig schönen und breiten Cape umhergehen. In einem Cape, das ich gar nicht hätte tragen müssen, aber das ich mir hätte denken können, und es wäre auf Grundlage der 7 qm Platz gewesen, das Cape als eines zu denken, das ich nicht raffen müsste, das ich ausführen könnte wie eine eigene Welt. Ich habe durch einen schwärmerischen Denkfehler Territorium gewonnen, aber dann gleich wieder verloren, wieder an die korrekte Berechnung und Auslegung der Abstandsregel verloren. Und dieses mobile Territorium vermisse ich auch.

Was kann ich mit diesem kleinen, übrigbleibenden Territorium, diesem 1,5-Meter-Strich in der Landschaft, der mir zugestanden wird, der von mir erwartet wird, Sinnvolles anfangen?

Können Sie bitte etwas lauter sagen, was wir grundsätzlich gemeinsam haben, ich kann Sie sonst nicht verstehen!

Wie schlimm ist es?
Ist es schlimm?
Falsche Frage?

Die leeren Seiten im aktuellen Stadtmagazin Kreuzer: Da hätte Ihre Werbung stehen können.
Und hier auch.
Dort erst recht.
Da ist Platz, Platz, der betreten werden kann.
Wo ist Platz?
Wo ist ein Versammlungsort?
Wie muss ich mir einen Versammlungsort vorstellen?

Was alles fehlt?
Was alles fehlt!
Da kommt dann hoffentlich endlich das Noch-Nicht ins Spiel.

Und wenn die Kirchenglocken aufhören würden zu läuten, diese Frage, diese Sorge von A, die ist auch schon Wochen alt.

Me·ta·noia

/…nɔ͜ya,Metánoia/

 

Substantiv, feminin [die]

  1. RELIGION
  2. innere Umkehr, Buße
  3. PHILOSOPHIE
  4. Änderung der eigenen Lebensauffassung, Gewinnung einer neuen Weltsicht

 

 

—-

 

Tage später: das Erreichen eines Ziels vor Augen, sozusagen, das ungeduldige Schlingern, Strukturieren, Scheitern oder doch noch Gelingen der Tage: WANN SIND WIR ENDLICH DA?
WANN IST DAS VORBEI?
In Österreich öffnen die kleinen Geschäfte. Hier spricht man über Schulföffnungen. Ja! Nein! Oder: Nein! Doch! Oh
https://www.youtube.com/watch?v=w4aLThuU008

Im Park sind die Plakate der Stadt, die für das Social Distancing werben, überklebt mit einem A4-Ausdruck: Ein Schaf in vermeintlicher Niedlichkeit steht auf den Hinterbeinen, darunter der Text: Ohne Demokratie ist alles doof!

Das Schafplakat ärgert mich sofort. Der Kontext der Plakatierung, die Überklebung des SD-Plakates suggeriert, alle Maßnahmen entbehren der demokratischen Grundlage.
Ich reiße die Schaf-Plakate, die ich sehe, ab und ermüde bald. Ich denke: Dass ich die Plakate entferne, ist Ausdruck des Vorhandenseins der Demokratie. Und werde unsicher: Wenn das SD-Plakat nun nur die Klebegrundlage, die Trägerfläche war und gar nicht das, was hier kommentiert wird? Was, wenn das Plakat einfach nur sagen möchte: Demokratie wird benötigt! Und gar nicht sagt: Die Maßnahmen sind undemokratisch und gefährden unsere Gesellschaft (aka as sind „doof“). Ein Schlingern in den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Referenzsysteme. Im Zweifelsfall entferne ich nun die Plakate deshalb, weil ich dieses überpräsente Schaf einfach zu hässlich finde.
Und auf der Brücke steht: Wo bleibt die Debatte?
Die Inszenierung der Unmündigkeit.
Die Behauptung der Unmündigkeit.
Wenn ich mich nicht täusche, begeben sich allerhand Leute und Diskurse und Websites und Kontinuitäten nun in Gefilde, wo ihnen alles sagt, dass sie von ihrer Regierung, von vielen Regierungen der Welt, zum unmündigen Leben gezwungen werden.
Dieser Aufwand, sich zum Opfer, zu Unterdrückten zu machen.
Oder übersehe ich was? Ich übersehe nicht die Einschränkungen. Ich bin die Einschränkungen leid, aber ich respektiere die Geste, die uns allen aufgezwungen wird. Wir nehmen Rücksicht. Wir sind ja fast alle in love miteinander. Diese Sorgsamkeit. Das alles ist in der Regel implementierte Sorgamkeit, die keine Sorgsamkeit ist, sondern ein schlichtes Sich-mal-lieber-an-die-Regeln-Halten. Teilweise auch aus Sorgsamkeit.
Inszenierungen von Fürsorge und ringsum mittlerweile Bollwerke des Denunzierens. Es heißt, das Denunzieren sei der Versuch, Teil des starken Staates zu sein. Und es heißt auch, das Denunzieren sei unter Männern weitaus deutlicher verbreitet als unter Frauen.
https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?md%3Aaudio_id=823172&fbclid=IwAR1wn0XsrdIWfSRreh8B9_C98jdrZBWHkKoNiYXfFCsEym7ZNCUIDOx0O0M

Ich höre von einer Party, die aus Versehen begann: aus zwei auf der Straße sitzenden, Weißwein trinkenden Freunden wurden sehr viele mehr. Und wurden von einer kopfschüttelnd vorbeigehenden Frau fotografiert. Diese rief die Polizei. Die Gruppe floh in einen Innenraum, einen Hinterraum. Die Gruppe wuchs weiterhin, wuchs bis weit in die Nacht.
Und der Kummer ist: das Vermissen der Gesellschaft, wie ich sie kannte, mit Körpern und weniger Screens.
Und der Kummer ist: das Denunzieren.
Und der Kummer ist: nicht eingeladen gewesen zu sein.

Ach ja, ich gehe mit hängenden Schultern.
Der Kummer ist die Ausnahme, die jemand anderes macht.

Die Voraussetzungen der Ausnahme. Man muss sich seine Ausnahme finanziell, gesundheitlich, sozial, politisch leisten können.
Können Sie die Voraussetzungen für die Ausnahme erfüllen?
Ausnahmevoraussetzungen, nicht zu verwechseln mit Aufnahmevoraussetzungen.
Da schweige ich kurz, und das ist natürlich ein Fehler.
Ich könnte allerdings von nun an und für immer jene verschweigen, die alles Jetzige für eine Verschwörung halten, für Inszenierungen.
Ich höre, die Militärlaster hätten keine Särge transportiert. Die Kühllaster seien nicht da, um Leichen zu lagern.
Sie seien wirklich gar nicht da.
Photoshop, schon mal was davon gehört? Geht doch auch schon lange im Bewegtbild.
Ich höre, die Zahlen seien alle gefälscht.
Und die Toten folglich nicht tot.
(Ach ja, darauf will ich zurückkommen. Denn wie gut es wäre, wären die Toten der letzten Wochen nicht tot. Die guten Nachrichten für die Toten der letzten Wochen kommen eindeutig nicht aus den Medien, die ich konsultiere. Denn da sind die Toten der letzten Wochen allesamt wirklich tot.)
Ich höre in ungefähr vier Stunden wieder die Frau auf den Topf schlagen.
Und das gilt auch heute noch, da ich diese Notizen noch einmal durchlese und mir so alt vorkomme und so zernagt vom homeschooling, vom Zeitdruck, von den Spekulationen über den Fortgang des Lockdowns, von der europäischen Politik.

Seit einer Woche gibt es also die Maskenpflicht im Nahverkehr und beim Einkauf, und daran will ich mich schon im Vorfeld nicht gewöhnen. Ich habe Angst vor diesen Masken und hinter jeder Maske glaube ich nach kürzester Zeit zu ersticken.
Ich telefoniere mit meiner Mutter, da komme ich gerade vom noch maskenfreien Einkauf in der Innenstadt zurück. Sie sagt, sie habe sich beim Aufprobieren einer Maske daran erinnert, wie sie in den 80er Jahren im Krankenhaus lag und man ihr ein zusammengerolltes Handtuch reichte, damit sie in das Handtuch beißen könnte, wenn der Schmerz zu groß wird. Der Schmerz beim Beugen des Beines, beim Beugen des Kniegelenks durch Arzt und Schwestern, das nach einer Operation zu versteifen drohte oder bereits versteift war. Piratenmethoden ohne Rum in einem dunklen Krankenhaus in Wermsdorf. Dieses erste Beugen, dieser Beugeversuch blieb erfolglos. Ebenso blieben es zwei weitere, die dann allerdings unter Vollnarkose stattfanden.

Die Masken allerorten, die ganze Maskenniedlichkeit. Masken mit Fußbällen usw. Masken mit Stickerei. Masken, die gut anliegen, Masken, die überhaupt nicht gut anliegen.
Die Schlange, die es angeblich am Montag in Dresden gegeben haben soll, als die Stadt gratis Masken verteilte. Die Schlange angeblich ohne Sicherheitsabstand.
Der Hinweis darauf, dass MP Kretschmer, als er kurz vor Ostern seine Aufmunterungspost verschickte, doch lieber Masken hätte beilegen sollen. Kretschmers Brief, ich hatte ihn am Gründonnerstag in der Küche mit Inbrunst der Familie vorgelesen, schafft es immerhin „Liebe Bürgerinnen und Bürger“ zu schreiben, fasst sich dann aber kurz und schließt die Anrede mit „liebe Sachsen“. Na, von mir aus.
Ich las also vor: „Mir ist bewusst, dass die aktuelle Situation uns allen sehr viel abverlangt. Viele Menschen machen sich Sorgen um Ihren Arbeitsplatz.“ Ja, da steht es, und ich lese es gleich noch einmal: „Ihren Arbeitsplatz“. Ich werde beim Vorlesen fast hysterisch und überalbern wegen eines kleinen Tippfehlers, und ich inszeniere eine Show, als stünde da eine ansonsten verheimlichte Wahrheit: Viele Menschen also machen sich Sorgen um meinen Arbeitsplatz.
Aber nicht doch, rufe ich generös in die Küche. Ich komme klar. Ich weiß ja auch nicht einmal, ob ich überhaupt einen Arbeitsplatz habe.
Ich nehme die Diskussion zur Systemrelevanz von Kunst und Kultur übrigens nicht persönlich oder kann sie aus mir unbekannten Gründen nicht anhand meines Beispiels führen.
Jedenfalls geht mir in der Regel und in diesen seltsamen Wochen die Weisheit ab, klug zu entscheiden, wogegen ich mich auflehne. Ich leide unter den Masken, die Masken machen mich krank, ihr Anblick macht mich kirre. Das professionelle Ausgestattetsein mit lauter fancy Masken, eine schöner als die andere, also diese ganze Maskenschönheit macht mich fertig. Diese ziselierte Freizeitbegabung des Maskennähens, die geposteten Maskenschönheiten und Maskenvariationen.
Aber darum geht es nicht, darum geht es natürlich nicht.
Es geht auch nicht darum, dass ich jetzt wieder Lehrerin bin (wie als Kind schon für Puppen und Plüschtiere) und dass mein Mann jetzt auch Lehrer ist, und dass wir Woche um Woche PDFs mit den Aufgaben für das kleinere Kind ausdrucken und dem sich leidend, sterbend gebenden Kind gut zureden, während das größere den überlasteten Server nicht erreicht, um seine Aufgaben runterzuladen. Es geht also nicht darum, dass ich der Schule schreiben möchte: Ich mache nicht mehr mit. Machen Sie das doch selber. Oder bezahlen Sie mich.
Die Laune fantastisch. Die Laune ist so, dass ich immerzu an Michel Kohlhaas denken muss.
Es geht dennoch eher um das, was ich mir merken will: Es gibt für mich gar nicht das Recht, mich in einer Demokratie wehrlos und ohnmächtig zu fühlen. (https://www.facebook.com/MuenchnerKammerspiele/videos/2760298370749299/)
Das hatte ich vollkommen vergessen und erinnere mich sofort und kontinuierlich zur Erweiterung meiner Möglichkeiten. Derzeit das Gefühl: Ich stehe vor jeder Tür und warte, dass man sie mir öffnet oder mich zum Anklopfen ermutigt.

Jedenfalls gestern die Demonstration. Oder die Nicht-Demonstration.
Jedenfalls gestern erst einmal die Pegida-Demonstration in Dresden. In allen Details (und ich war nicht einmal vor Ort, wenngleich das ja nun wieder erlaubt wäre, das Reisen, meine ich, die neue Distanzregel zur Fortbewegung: die Tagesreise).
Oder gleich die Einheit: Steinwurf.
In meinem Regal das Rotkäppchenkörbchen mit Pflastersteinen. Das kleinere Pflasterstein-Modell für Gehwege, die Zufallssammlung der letzten Jahre. Die Pflastersteine als Briefbeschwerer, Buchbeschwerer.
Aber ich habe, das muss ich gestehen, Pflastersteine (das kleinere Modell) auf die Motorhauben von SUVs in der Nachbarschaft gelegt.
Ich brauche grundsätzlich mal einen Auffrischungskurs im Protestieren. Ich brauche den Grundkurs im Protestieren. Ich bin Willkür und Trotz und frei von Strategie. (Ich bin in Klammern.)

Ich habe mich unterbrochen: Die Pegida-Demonstration ist als solche und in allen nachlesbaren Details widerwärtig. Am Jahrestag von Hitlers Geburtstag (In meinem Radio nur Berichte über Celan, die Moderatorin spricht in die Wiedergabe von Celan, die Todesfuge lesend, hinein, spricht zeitgleich mit ihm, bekam sie das nicht mit?) findet eine Demonstration in Dresden statt. Titel der Veranstaltung: „80 für 80 Millionen – Für das Grundgesetz“. Ich will nicht weiter auf die Zahlen eingehen. Ich will gar nicht wissen, wer übersehen hat, wie da 8 auf 8 trifft, wie 8 und 8 sich, auf Abstand lediglich von einer Null in der Mitte gehalten, und jene 0 am Ende muss dann schon gar nicht mehr zählen, wie 8 und 8 sich da also nahezu aneinanderschmiegen, sich in die maximale Nähe voneinander begeben: das ist gewalttätig und nicht hinnehmbar.
Natürlich will ich wissen, wer übersehen hat, wie 8 und 8 da aufeinandertreffen. Wie jemand so getan hat, als hätte er/sie das übersehen.

Ja, Zahlen, die Zahlen und was sie bedeuten.

Während wir also Masken haben, die schönsten, nicht unbedingt die besten, aber die zur Harmlosigkeit unserer Leben passenden, weil dekorative Stoffbähnchen, fehlen sie andernorts. Oder lassen wir mal von den Masken ab, ich lasse von den Masken ab und präzisiere: andernorts fehlt das mindeste. Und von der Wahrung des Mindestabstands, den wir hier schon so schön eingeübt haben, kann andernorts keine Rede sein.
Wem jetzt kein Ort einfällt, an dem es anders ist als hier, an dem es katastrophal ist, nicht ein Ort wenigstens, der eine Hölle ist, der/die ist verloren. Der/die hat das Bundestverdienstkreuz für erfolgreiche Verdrängungswirtschaft verdient. Im doppelten Sinn, sowieso. Von mir aus also zwei Bundesverdienstkreuze.

Zahlen, und was sie bedeuten. Ich denke schon wieder an Seehofers 69. Geburtstag und an die 69 Abschiebungen, die man ihm zum 69. Geburtstag schenkte. Das bleibt hoffentlich unvergessen.
Die aktuelle Zahl: 50, aber präzisiert von Mely Kiyak auf 47. Es redeten also alle davon, dass Deutschland 50 Kinder aus den Lagern auf den griechischen Inseln aufnehmen wird. Welch possierliche Zahl. Ab und an liest man sie auch noch possierlicher: bis zu 50.
50-47=3. Das ist einfachste Mathematik. Das bekomme ich hin. Und das ist grausamste Mathematik, weil das Ergebnis nicht zu verkraften ist. Weil die Zahlenwerte, mit denen ich hier rechnen darf, eine Zumutung sind.

„Ursprünglich war der Plan, dass eine EU-weite «Koalition der Willigen» 1600 Kinder aufnehmen und auf die Länder verteilen soll. Nun sind die Kapazitäten in Deutschland ohne weiteres dafür geeignet, nicht nur 1600, sondern zehnmal so viele aufzunehmen.
Am Ende hat man fertiggerechnet und ist auf die Zahl 47 gekommen. 47 Kinder und Jugendliche haben am Samstag deutschen Boden erreicht. Deutsche Flüchtlingspolitik im Jahr 2020.“ https://www.republik.ch/2020/04/21/fuehlt-sich-gut-an?fbclid=IwAR3g-kJp03cU7IKy4LEvaiQ9BXK4g2GbTO69rnqtXyLVVX-SLbn6D5PFlYw

Es handelt sich natürlich um eine EU-weite „Koalition der Unwilligen“. Bis zu 50 kann nichts verschleiern. Kann nur verdeutlichen, was wir uns an Grausamkeit und Blindheit zugestehen.

Das hier ist eine Demonstration. Ich fange jetzt wieder zu demonstrieren an. Ich pirsche mich an. Das hier ist eine Demonstration, ein Demonstriönchen. Das ist hier ist keine Demonstration, leider nicht.
Ich bastele aus Schuhkartons öffentliche Plätze und inszeniere Demonstrationen.
Ich fange ja gerade erst an. Ich fange gerade erst mal wieder an.

Gestern aber, als ich eigentlich wollte, demonstrierte ich nicht. Die Demonstration auf dem Marktplatz wurde kurzfristig abgesagt, aber ich wusste nichts davon und hielt deshalb die Demonstration auf dem Augustusplatz für die, an der ich teilnehmen wollte.

Es war einmal Montag, an dem in Dresden Pegida demonstrierte und ich unterwegs war zu einer Demonstration gegen das Demonstrationsverbot, diese jedoch nicht fand.

 

Oder so: Es war einmal Montag, an dem in Dresden Pegida demonstrierte, an dem in ganz Sachsen die Kirchen wieder Gottesdienste durchführen durften, die Demonstration, zu der ich wollte, aber von den Veranstalter*innen abgesagt wurde, weil alle Teilnehmenden zur Abgabe personenbezogener Daten gezwungen gewesen wären.

In Zeiten, in denen Verstöße gegen das Versammlungsverbot mit Bußgeldern geahndet werden dürfen, macht es einen Unterschied, ob ich bei einer Demonstration meine Daten abgebe oder mich online zum Gottestdienst anmelde.

Auf dem Augustusplatz die andere Demonstration. Am Rand die wehenden Fahnen der Piraten. Das Flatterband fasst die rechteckige Fläche vor der Oper ein, hängt teilweise in den Brunnen, der noch nicht mit Wasser gefüllt ist. Im Rechteck stehen Leute, vielleicht zwölf. Irgendwas wird durchgesagt, der Wind trägt es weg Richtung Rossplatz zu den Stalinbauten. Man demonstriert für ein ausführlicheres und dauerhaftes Vermummungsgebot. Aber das lese ich erst später. Als ich am Augustusplatz stehe, weiß ich noch nicht, dass das nicht die Demonstration ist, die ich suche. Ich wundere mich, warum die Piraten so präsent sind und überlege prophylaktisch, wie es sein wird, wenn ich und Ch., mit der ich verabredet bin, dann im Viereck hinter Flatterband stehen. Mundschutz und 5 m Abstand zwischen allen Teilnehmenden. Ich überlege vor allem: Wenn wir drin stehen, aber dann vor dem eigentlichen Ende wieder gehen wollen, fällt es richtig auf.

Aber wir waren nicht da, und unsere Demonstration war, wie gesagt, auch nicht da. Die Kirchenglocken allerdings läuteten mir überlegenen Lärm ins Ohr.

1,5 m
5 m
Es muss etwas anzufangen sein mit all dem Platz, der unverkäuflich ist.

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