An Evening With Christian Nyampeta

An Evening With Christian Nyampeta
Ein Mixtape, das vorübergehend auf Musikplattformen wie iTunes, Spotify und Tidal gestreamt wird

Während ich an meiner Dissertation mit dem Titel How To Live Together am Institut für Visuelle Kulturen der Goldsmiths University in London arbeitete, nahm ich immer wieder Pausen vom Lesen und Schreiben, um Keyboard zu spielen.

Über die Jahre brachten diese Keyboard-Pausen eine wachsende Bibliothek klanklicher Kreationen hervor, die zum Teil eine Möglichkeit darstellten, in der Gesellschaft der Künstler:innen, Musiker:innen, Theoretiker:innen und anderer Personen zu bleiben, von deren Ideen ich zehrte, deren Songs ich coverte oder an deren Texte ich erinnern wollte.

Die folgende Auswahl enthält eine Elegie, eine Widmung und eine kurze Vorschau auf ein bald erscheinendes Album. Die Vielfalt der Aufnahmen reflektiert die Ereignisse, die die Welt in der Zeitspanne, in der die Stücke enstanden, veränderten. So gesehen sind diese Tracks Lesezeichen, mit ihrer Hilfe lässt sich die Geschichte nachzeichnen, die sich über große Entfernungen und große Teile der Welt entfaltet, über kulturelle Verschiebungen und soziale Spannungen, die alle in wieder auflebenden Energien eines planetarischen Bewusstseins zusammenfließen – als Widerstand gegen die weltweite Ungerechtigkeit und die Vernichtung von Leben auf der Erde.

Mit den Aufnahmen begann ich im Sommer 2011 in London um die Zeit, als Mark Duggan in Tottenham, Nordlondon, von der Polizei erschossen wurde, ein Vorfall, der landesweit Aufruhr und Proteste auslöste. Im März desselben Jahres, hatten das Erdeben von Tohoku und der Tsunami zum Reaktorvorfall im Atomkraftwert von Fukushima geführt. Zur gleichen Zeit brach der Bürgerkrieg in Syrien aus, der mit pro-demokratischen Demonstrationen in Deraa, im Süden des Landes, begonnen hatte. Die Songs entstanden im Verlauf des ganzen Jahrzehnts, das auch das Aufkommen von Black Lives Matter erlebte (2013), eine politische und soziale Bewegung, gegründet von Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi in den USA, in Reaktion auf den Freispruch von George Zimmerman vom Mord an dem 17-jährigen Schwarzen Trayvon Martin, sowie den Aufstieg von Greta Thunberg und den sie unterstützenden Aktivist:innen im Protest gegen die Klimakrise.

Und doch liegt der Fokus dieser speziellen Zusammenstellung auf den letzten drei Jahren. Sie enthält Stichproben einzelner Aufnahmen, die in den Pausen meiner Forschungsarbeit entstanden und während parallel laufender Kooperationsprojekte –Online-Progamme, gelegentliche Zusammentreffen in temporären Studios, Ausstellungen und Sessions im Rahmen meines Online-Radiosenders Radius, der aus Institutionen, von Zuhause, aus transnationalen Forschungsgruppen und verschiedenen nicht so eindeutig zu beschreibenden Orten sendet.

1. Evening News (Abendnachrichten)

 

Wenn ich meine Stücke aufnehme, habe ich dabei meistens schon eine bestimmte Person als Hörer:in im Kopf. Das gilt auch für dieses Stück, das ich für meinen Projektpartner Julien Simbi komponiert habe. Julien ist ohnehin der Erste, der meine Kompositionen zu hören bekommt. Das Komponieren gehe ich inzwischen etwas ernsthafter an, damit wir die Ideen für unsere gemeinsamen Projekte auch musikalisch diskutieren können. Das betrifft auch Juliens Soundtracks zu meinen Filmen, ein Hörspiel, das gerade in Zusammenarbeit mit WIELS Contemporary und Chimurenga Panafrica Space Station entsteht, und andere musikalische Gemeinschaftsprojekte. Für Evening News nutze ich Samples und existierende Loops sozusagen als Mittel, um das Keyboardspielen zu erlernen. Der Titel des Stücks reflektiert das Bedürfnis, den Nachrichten gegenüber sensibel zu bleiben, indem man sich gegen den betäubenden und desensibilisierenden Effekt der aktuellen Nachrichtenschleifen wehrt.

2. Operating System (Betriebssystem)

 

Dieser Titel ist dem Künstler und Philosophen Kodwo Eshun gewidmet, der meine Dissertation am Institut für Visuelle Kulturen der Goldsmiths University betreut. Ich bezeichne die Aufnahme als eine akustische Skizze wegen der Art, wie sich meine Herangehensweise von konventionellen Methoden der Komposition unterscheidet; der Text zitiert etwa das Inhaltsverzeichnis von Eshuns Buch More Brillant than the Sun: Adventures in Sonic Fiction (1998). Im weiteren Sinn ist der Song auch eine Widmung an meine Kolleg:innen an der Uni und, noch weiter gefasst, an die künstlerische Community, in der meine Arbeit entstand, sowie an die über die Welt verstreute Schar von Forschenden, Lehrenden und Kolleg:innen, die ich jederzeit um Hilfe bitten konnte. Alles in allem ist der Song Ausdruck meiner Dankbarkeit für die Beratung, Unterstützung und Solidarität, die ich während der Arbeit an meiner Dissertation und darüber hinaus erfuhr, von Menschen wie Jean-Paul Martinon (mein Zweitgutachter), Nicole Wolf an der Goldsmiths oder meinen Prüferinnen Denise Ferreira da Silva und Leela Gandhi. Kurz gesagt, dieses Lied stellt die Freundschaft und Verbundenheit dar – denn sie machen das Betriebssystem kultureller Zugehörigkeit aus.

3. Long Letters (Lange Briefe)

 

2018 war ich Mitorganisator einer Arbeitswoche in Huye, eine ländliche sehr alte Stadt im Süden Ruandas. Repräsentant:innen von Arbeitsgruppen aus vierzehn Städten verschiedener Regionen der Welt nahmen daran teil, um ihre Erkenntnisse zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt auszutauschen, bei dem es um die Geschichte der Kunstausbildung in ihren jeweiligen lokalen Kontexten ging. Ich hatte eine Evening School mit musikalischen Zusammenkünften, Performances und Filmvorführungen organisiert. Das war der eigentlich Grenzen sprengende Programmpunkt der Woche, denn er brachte die Anwohner:innen, lokale Würdenträger und Kinder, also ganz verschiedenen Personengruppen, an einem Ort zusammen, wo die sozialen Unterschiede aufgehoben waren. Die Vorbereitung auf diesen besonderen Moment und sein anhaltendes Nachleuchten inspirierten mich, ein elektronisches Album zu produzieren, das eine Art Tonkatalog darstellen sollte: einen Katalog von Musikstücken, die vor, während und in der Folge der größeren Ereignisse der jüngeren Geschichte aufgenommen worden sind. Das in Kürze erscheinende Album ist also gewissermaßen eine Fortsetzung der Evening School von Huye; die Idee bestand darin, historische Songs auszuwählen und sie mit den Mitteln der Übersetzung, des Remix und der Wiederholung zusammen mit Linguist:innen und Musiker:innen neu aufzunehmen. Aufgrund des Lockdowns hat dann vieles nicht wie geplant geklappt. Das Album habe ich schließlich in Kooperation mit dem Musiker Julien Simbi realisiert. Und was vom ursprünglichen Konzept geblieben ist, ist die Darbietung kurzer Zwischenspiele. Sie rezitieren Texte, die ich als „lange Briefe“ beschreiben würde: Passagen von Lyriker:innen und Romanciers wie Kodwo Eshun, Bessie Head, B. Kojo Laing, Ali A. Mazrui, Scholastique Mukasonga, Nnedi Okorafor, Yambo Ouologuem, Ousmane Sembène und Namwali Serpell, die als Bestimmung des Zustands ihrer Gesellschaften performt werden.

4. Makambo

 

Dieses unabgeschlossene Stück veranschaulicht, wie meine akustischen Skizzen zur Diskussion zwischen meinem Kooperationspartner und mir beitragen, wenn es um Stimmung, Instrumentierung und den Umgang mit musikalischen Produktionsweisen geht. Makambo ist ursprünglich der Titel eines Songs von Geoffrey Oryema auf seinem Album Exile, das Brian Eno 1990 produziert hat. Oryema singt über den Schmerz, sein Heimatland verlassen zu müssen. Er lebte im französischen Exil, nachdem sein Vater 1977 in Uganda getötet worden war, wo er Minister im Kabinett von Idi Amin war. Ich hatte den Song lange nicht gehört, als eine befreundete Kuratorin, Nana Adusei-Poku, mir letztes Jahr den Streaming-Link zu Oryemas Album zuschickte. Das erinnerte mich daran, dass – obwohl digitaler Austausch der Pandemie wegen stark zugenommen hat – Communities in der Diaspora diese Art der medialen Fernübertragung schon immer nutzten: ein wöchentlicher Anruf oder Videotelefonat, ein monatlicher Brief, eine jährliche Audiokassette oder VHS. Identitäten, die wie Inselgruppen existierten, wurden über lange Zeiten am Leben gehalten, indem man über die Entfernung hinweg Dinge teilte. Meine Version von Makambo ist den Geflüchteten und Vertriebenen überall auf der Welt gewidmet. Ihr Elend wird durch die Pandemie noch verschlimmert.

5. Election Results (Wahlergebnisse)

 

Dieses Stück habe ich mit Unterbrechungen aufgenommen, während ich das Brexit-Referendum verfolgte, auf dem Höhepunkt der Farce, die den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten ins Amt gebracht hatte, und später, als ich der Opfer des tragischen Feuers im Grenfell Tower gedachte (das war gleich nach der Wiederwahl der Konservativen, deren systematische Vernachlässigung der sozialen Probleme mit dieser Katastrophe zusammenhängt). Ich durchlebte diese Momente in einem Gefühl der Handlungsunfähigkeit, weil ich weder in Großbritannien noch in den USA wahlberechtigt bin, obwohl ich viele Jahre in beiden Ländern lebte. Natürlich betrifft die Politik, die das Ergebnis des Referendums und der Wahlen sind, auch Menschen und Gemeinschaften in weit entfernten Regionen. Auch das Leid, das lokale Communities durch Polizeigewalt widerfährt, hat dieses Jahr sein Extrem und einen Umkehrpunkt erreicht. Eines der Symptome, die die politisch und kulturell gespaltenen Nationen empfinden, ist Angst. Die Missachtung des Rechts auf allen Ebenen der Exekutive führt zur Eskalation der sozialen Erniedrigungslogik, die es noch schwerer macht, in Frieden zu leben.

6. Time Zones (Zeitzonen)

 

Ich betrachte dieses Stück als eine Elegie, weil es die schmerzliche Distanz von Familienmitgliedern, die über den Globus verteilt leben, ermessen und beklagen will. Das Stück reflektiert, wie die Menschen viel zu oft nicht mal zu Feierlichkeiten mit ihren tatsächlichen oder gewählten Familien zusammenkommen können und gleichzeitig dazu gezwungen sind, ihre persönlichen Tragödien allein zu durchleben. Und doch imaginiert das Gedicht eine dem aktuellen Leiden vorangehende Zeit und eine Zone des Friedens und der Ruhe.

7. Malaika

 

Dieser Song gehört mit Sicherheit zu meiner sonic biography, um einen Begriff des DJs und Künstlers Ain Bailey zu benutzen, denn der Titel lief in meiner Kindheit, als ich in Kigali lebte, oft im Radio. Aber natürlich bin ich nicht der Einzige, der Miriam Makebas Song hörte. Ihr Aufstieg in Südafrika während der Fünfzigerjahre, der anschließende internationale Erfolg und ihre Rolle in der Anti-Apartheid-Bewegung sind ziemlich gut dokumentiert. Tatsächlich gehört Makeba zur Soziografie mehrerer Generationen in Afrika und darüber hinaus. Selbst in den USA war sie während der Rassentrennung vielleicht die prominenteste afrikanische Figur in der amerikanischen Popkultur. Stücke wie Pata Pata waren Radiohits, ihre Platten verkauften sich gut und sie war häufig im Fernsehen präsent. In den USA der Sechzigerjahre war sie so was wie eine Berühmtheit. Sie kam im amerikanischen Mainstream an, ungeachtet seiner Schwierigkeiten, Schwarzen zu begegnen.

Meiner Coverversion liegt Makebas und Belafontes elektrifizierende Performance dieses Stücks anlässlich von An Evening with Belafonte/Makeba zugrunde, ihrem gemeinsamen 1969er Studioalbum. Auch sonst traten die beiden mehrfach zusammen auf, was bezeichnend ist für Makebas panafrikanische Praktik der kulturellen Intimität und des anti-imperialen Internationalismus. So sang sie in verschiedenen afrikanischen Sprachen und kooperierte mit Musiker:innen aus unterschiedlichen afrikanischen Diasporagemeinschaften.

Auf ihrem Album Live in Paris bringt Makeba eine tansanische Malaika-Version. Das Kiswahili-Wort malaika bedeutet „Engel“, Makeba hat den Song dem Menschenrechtsaktivisten Stokely Carmichael gewidmet, den sie 1968 heiratete, bevor das Paar nach Ghana ging, vor allem um Schwierigkeiten zu vermeiden, die ihre Ehe andernorts ausgelöst hätte: Makeba wurde als Extremistin dargestellt und beide wurden in den USA schlecht behandelt.

Makeba erscheint in William Kleins Film The Pan-African Festival of Algiers (1969), wo sie bei der Aufnahme ihr Kind stillt, während sie mit Dorothy Masuka probt, die im Exil in Algier lebt (nachdem sie das damalige Rhodesien verlassen hatte). Diese intime Zusammenarbeit vermittelt die Atmosphäre der Solidarität, die damals in Algier herrschte. Die Stadt war zu einem Zufluchtsort für politisch verfolgte Freiheitskämpfer geworden. Das Festival selbst, von der Organisation of African Unity veranstaltet, war ein kultureller Meilenstein – es machte Alternativen zum imperialistischen Weg der Geschichte vorstellbar, selbst wenn diese Alternativen kurzlebig waren.

Jedenfalls ist Malaika ein Protestsong, wie viele von Makebas Titeln, besonders diejenigen auf An Evening with…, zum Beispiel Khawuleza, der Xhosa-Titel Hurry, Mama, Hurry!, der auf Situationen anspielt, wo Kinder ihre Mütter vor nahenden Sicherheitskräften warnen ­ Situationen, die in der Zeit wiederaufflammender Proteste gegen Polizeigewalt überall auf der Welt widerhallen. Alles in allem sind Makebas künstlerische Darbietungen – obwohl ich Malaika als Kind eher als ein Schlaflied wahrnahm, das im Swahili-Unterricht gespielt wurde – politischer Ausdruck des Sehnens über Geografie und Staatsgrenzen hinweg sowie Protest gegen Exil, Ausweisung und Vertreibungen.

8. Creation Plans (Schöpfungspläne)

 

So heißt meine Version von The Creator Has A Master Plan, der monumentalen Kreation von Saxofonist Pharoah Sanders von 1969, mitkomponiert von Leon Thomas, der auch Percussion und Gesang beigetragen hat. The Creator hat eine Respekt einflößende Reihe von Nachahmern und Erben hervorgebracht. Schon bald nach Sanders’ erster Veröffentlichung des Stücks auf seinem Album Karma brachte auch Thomas den Titel mit erweiterten Lyrics heraus (die schon auf dem Sleeve von Karma abgedruckt waren), erst als Single, dann auf seinem Album Spirits Known and Unknown (auch 1969).

Noch im selben Jahr erschien eine verkürzte Version des Stücks (ebenfalls mit Vocals von Leon Thomas), und zwar auf Louis Armstrong and His Friends, einem Album des legendären Trompeters und Sängers. Etwa ein Jahrzehnt später gab es eine weitere Interpretation, von Schlagzeuger Norman Wilson. Tatsächlich hörte ich Wilsons Version zuerst, nicht im Original, sondern in gesampelter Form von DJ Premier in seiner 1995er Produktion des damals beliebten Tracks Real Hip Hop der Hip-Hop-Band Das EFX. Dieser Track heizte die Dancefloors in den östlichen Niederlanden an, wo ich Anfang der Nullerjahre lebte und Partys organisierte. Vor nicht allzu langer Zeit hat dann Jazzsänger Dwight Trible Sanders’ Stück gecovert.

Um 2011 habe ich Sanders’ episches 32-Minuten-48-Sekunden-Stück in eine weit kürzere Version gemischt für die Mixtapes, die ich damals für Freund:innen machte. The Creator ist das erste Stück, das ich so bearbeitete, soweit ich mich erinnere. Die laufende und andauernde Wiederholung geht aus denselben Loops einfacher Akkorde hervor, die meine untrainierten Hände zustande brachten, und rührt daher, den Track mit wechselnden Elementen aus verschiedenen Aufnahmesessions zu überlagern.

The Creator Has A Master Plan organisiert sich durch eine Art Einleitung, gefolgt von einem Vorspiel, woran sich eine beharrliche Phrase anschließt, die sich wiederholend durch den ganzen Song zieht, während Leon Thomas’ Vocals und Kehlgesang in stilleren Momenten aufscheinen oder immer, wenn die Musik sich zu einer Explosion des freien Saxofonspiels beschleunigt. In einem Wechsel von Ebbe und Flut, Eruption und Kontrolle, beschwört The Creator Schreie und Gezeter, Stöhnen, Gebete und Hoffnung.

Meine Motivation, diesen Song aufzubereiten, kam aus dem Bedürfnis, dessen Eruptionen zu überwinden und bei den stilleren Momenten der Kontemplation zu verweilen. Aber später merkte ich, dass es keinen Mehrwert bedeutete, nur einen Teil dieses Stückes anzuhören, ohne die anderen Songparts wirken zu lassen. Wie ein YouTube-Nutzer zu einem der Videoclips des Stückes anmerkt: „Pharoah hat ein Hörbild über die Geschichte des Leidens und den Triumph des Geistes über die physische Welt erschaffen.“

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